|

Carlos Bica – „Songs sind Räume zum
Ausmalen für den Hörer“
Der portugiesische Kontrabassist Carlos Bica feiert mit seinem Trio
„Azul“ in diesem Jahr den zehnten Geburtstag. Passend zu diesem
Jubiläum erscheint dieser Tage das Album „Believer“,
in klassischer „Azul“-Besetzung mit Frank Möbus an der
E-Gitarre und Jim Black an Drums und Percussion. Und auch im zehnten Jahr
zeigt sich „Azul“ experimentierfreudig: Der Berliner DJ IllVibe
hat als Gastkünstler diesmal wichtige Komponenten zum Sound der Musik
beigetragen.
Stilistisch begrenzen lässt sich der halb in Berlin und halb in
Portugal lebende Carlos Bica nach wie vor kaum: neben seinem oben genannten,
eher jazz- und rockorientierten Trio „Azul“ ist er auch mit
seiner Gruppe „Diz“ unterwegs – hier bilden, fast kammermusikalisch,
die Sängerin Ana Brandão und ein Streichquartett die tragenden
Säulen. Ein weiteres, hochaktives Projekt, „Bica-Klammer-Kalima“,
wiederum präsentiert sich ohne Schlagzeug nur mit Trompete, Gitarre
und Kontrabass. Und auch solo geht der Kontrabassist auf die Bühne
– dokumentiert auf der 2005 in Portugal erschienenen und dort ausgezeichneten
CD „Single“.
Warum hast du „Believer“ als Titelstück der neuen
„Azul“-CD gewählt? Was ist die Idee hinter dem Stück,
was drückt es für dich aus?
Generell ist es so, dass die Titel meiner Kompositionen auf sehr unterschiedliche
Weise entstehen: Meist sind es Bilder oder Alltagsszenen die ich mit meinen
Stücken verbinde. Aber eher im Nachhinein: im Grunde sind die Songs
Räume, die der Zuhörer selbst ausmalen darf.
Wenn ich einen Titel für ein neues Album brauche, schaue ich immer
als erstes, ob es auf der CD ein Stück gibt, das am deutlichsten
die gesamte Stimmung der CD vermittelt. Ein Album ist für mich ein
Zeitdokument, mit dem meine Erlebnisse und Erfahrungen erzählt werden
– sozusagen durch die Musik. „Believer“ drückt
das Bedürfnis aus, zu glauben. Für mich war das schon immer
ein starkes Bedürfnis.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Vincent von Schlippenbach aka DJ
„IllVibe“ für das neue Album? Hat die Mitarbeit eines
DJs das Soundkonzept von Azul verändert?
DJ „IllVibe“ ist ein unglaublicher Musiker und Improvisator,
der seine Plattenspieler als Instrument benutzt. Als ich ihn das erste
Mal mit der Band „Lychee Lassi“ hörte, war ich total
begeistert. Als er mir dann zum zweiten Mal in einer Formation zu Ohren
kam, in der auch sein Vater Alexander von Schlippenbach spielte, war ich
hin und weg!
Jedenfalls – geplant war es ganz anders: In der Anfangsphase dieses
Albums spielte ich nämlich mit der Idee, einen Gastmusiker einzuladen.
Jemanden, der durch seine Mitwirkung neue Farben in die Musik bringen
würde. Als erstes dachte ich an einem Keyboarder, der mit Samples
arbeiten sollte. Ich bekam aber Bedenken, dass dies unseren gitarrenorientierten
Trio-Sound zu stark verändern würde.
Die schließliche Entscheidung, Vincent ins Studio einzuladen, war
ein bisschen riskant, weil wir vorher nicht die Möglichkeit hatten,
mit ihm zu proben. Ich bin sehr begeistert von dem Ergebnis! Der Generationsunterschied
und die verschiedenen Stile spielten keine Rolle. Es gab nur Platz für
Musik und Kommunikation. Es hat viel Spaß gemacht und der Azul-Sound
ist immer noch da.
Die neue CD ist das vierte Album von „Azul“ und es erscheint
passend zum zehnten Geburtstag eures Trios. Habt ihr eine Flasche Sekt
aufgemacht?
(lacht) Es ist wunderschön, vier CDs mit denselben Musikern gemacht
zu haben. Und was für Musiker! Das passiert in der Jazzbranche nicht
so oft, eher im Rock-Pop-Bereich. Und auch da nur, wenn die Band erfolgreich
ist. Der „Azul“-Sound ist durch meine Kompositionen und die
Interaktion von uns drei Musikern entstanden. Die recht unterschiedlichen
musikalischen Persönlichkeiten ergeben den Sound des Trios.
Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich die Möglichkeit
habe, mit Frank und Jim einen wichtigen Teil meiner musikalischen Phantasien
und Ideen zu verwirklichen. Es gibt sicher viele sehr gute Musiker, die
jedoch nicht alle das musikalische Verständnis und die Hingabe haben,
diese Art von Musik zu spielen. Die Kommunikation zwischen uns Dreien
hat inzwischen einen sehr hohen Grad erreicht.
Unterscheidet sich „Azul“ generell von deinen anderen
Projekten wie beispielsweise „Diz“ oder „Bica-Klammer-Kalima“
– oder auch deinem Solospiel?
Ich versuche in jedem meiner Projekte meine Mitmusiker einzubeziehen.
Musik ist an erster Stelle Klang, dem man als Musiker nachgehen muss.
Für viele Leute klingen meine Projekte sehr unterschiedlich, obwohl
ich es selbst nicht so empfinde. Es gibt soviel Musik, die ich in mir
höre und entdecken möchte, um mich selbst überraschen zu
lassen. Schon allein durch die recht unterschiedlichen Besetzungen kann
man die verschiedenen und faszinierenden Klangbilder der Musik nachahnen.
Deine Kontrabass-Solo-CD „Single“ wurde meines Wissens
nur in Portugal veröffentlicht – wieso eigentlich?
„Single“ wurde in den Studios des Senders Berlin-Brandenburg
aufgenommen. Ich habe leider keine Plattenfirma in Deutschland gefunden,
die Interesse an der Veröffentlichung meiner Soloaufnahme zeigte.
In der aktuellen Marktkrise der Musikbranche wagen sich die wenigsten
daran, Alben sogenannter „schwieriger“ Projekte herauszubringen.
Zum Glück ist die CD bei dem portugiesischen Pop-Label „Bor
Land Records“ gelandet, dessen Chef das Album mit großer Begeisterung
und Engagement zum Erfolg brachte. Die CD erschien im Oktober 2005 und
wurde als eine der besten vier „Produktionen des Jahres“ in
Portugal nominiert. Es ist wirklich schade, dass sie bis jetzt nur dort
erhältlich ist…
Wie geht man als Bassist an eine Soloaufnahme? Was war das für
ein Gefühl, nur du und dein Instrument?
Es war eine sehr intime Begegnung mit dem Kontrabass. Als Musiker entdeckt
man beim Solospiel sich selbst. Eben weil ich allein bin, kann ich nur
mit mir selbst spielen und mit dem, was ich höre. Und mit der Stille:
Das ist spannend und verlangt hundertprozentige Hingabe. Meine Absicht
war, auf diesem Album meiner Intuition freien Lauf zu lassen und auf diese
Art und Weise gleichzeitig meine Kunst auf dem Kontrabass zu zeigen.
Wenn ein Publikum live begeistert ist, sieht man das – wie
aber setzt man seinen Anspruch beim Einspielen einer CD um, weiß,
wie man den Hörer wirklich erreicht?
Nun, beim Aufnehmen liegt die Spannung nicht darin, eine Livesituation
vor Publikum vorwegzunehmen, sondern in einer Verantwortung, die man sich
selbst auferlegt. Wenn ein Musiker ein Album aufnimmt, darf er sich nicht
mit der möglichen Reaktion oder den Erwartungen des Publikums beschäftigen.
Sondern er muss auf seine innere Stimme hören. Der Musiker muss ehrlich
zu sich sein. Nur so erreicht die Musik die nötige Tiefe, die dann
die Verbindung mit den Zuhörern und den Mitmusikern herstellen kann.
Carina Prange, Jazz Podium
"Carlos Bica spielt einen diskantreichen, singenden Bass - eine
unverwechselbare Klang- und Spielcharakteristik, die ihn aus dem Mainstream
der Jazzbassisten heraushebt und durch seine Lyrik auf die portugiesischen
Wurzeln verweist. Sein kraftvolles, differenziertes Spiel vermittelt den
Anschein einer untrennbaren Einheit des Musikers mit seinem Instrument."
(Nürnberger Nachrichten)
"Bassist Carlos Bica beschränkt sich nicht auf die Begleitrolle,
andererseits nutzt er sein Debüt auch nicht als Vorzeige-Fecture.
Der Portugiese, einst Sideman der Maria Joao, beansprucht schlicht einen
ebenbürtigen Platz, und den versteht er überzeugend zu füllen.
In seinem Bass-Soli entfaltet Bica sangliche Qualitäten, im Trio-Spiel
sorgt er mit vollem Sound und ausgleichendem Gespürfür die richtige
Balance." (Jazzthetik über die CD "AZUL")
"Allein Bica´s Komposition "A tragedia de um homen condenado
a ser um poeta", verleiht "AZUL" die Aura bizarr romantischer
Tagträume und das Prädikat "bemerkenswert"."
(Jazz Podium über die CD "AZUL")
"Einfache und klare Melodien liebt der Bassist Carlos Bica. Der
gebürtige Portugiese ist ein Romantikerauf seinem Gebiet. Die Grundlage
von Bica´s Kompositionen sind portugiesische Volksweisen, deren
rhythmusartige Grundfolgen leicht ins Ohr gehen, ohne dabei zu den Jazz-Versionen
zu mutieren." (Winterstein Tageszeitung)
"Bica ist längst zu einem treibenden Element der Berliner
Jazzszene geworden. Als Bassist ist er ein Virtuose allererster Güte.
Er beraubt das Instrument all seiner Monumentalität und verwandelt
es in einen Pinsel, mit dem er transparent Aquarellfarben aufträgt,
schmiegt sich in den Kontext seiner impressionistisch, teils explosiv
agierenden Band, ohne sich auf Grenzen zwischen Leader- und Begleitfunktion
einzulassen." (TIP)
|